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Vom Genussmenschen: Kulinarische Aphrodisiaka, Matthias Mangold

Wer den Einkauf für das Wochenende noch nicht erledigt hat, ist vielleicht für die nachfolgende Inspiration dankbar und will noch schnell den Einkaufszettel entsprechend ergänzen. Aber auch bei bereits getaner Shoppingtour lohnt sich die Lektüre eindeutig. Wie man isst, so liebt man? 

Lasst uns heute mal Dinge in den Mittelpunkt stellen, die glücklich machen: Speisen mit besonderer Wirkung. Zutaten, deren Form, Aussehen, Geschmack oder tatsächliche Wirkstoffe uns in positiver Art und Weise anregen, uns einem Partner emotional zuzuwenden. Zu deutsch: es geht nicht nur um die Lust am Essen, sondern ums Essen für die Lust.

Wenn wir über Stimulanzien aus der Küche sprechen, dann müssen wir weit zurückgehen. Eigentlich sogar bis zu Adam und Eva. Der Apfel, den sie ihm gereicht haben soll, um den ersten Mann der Welt zu verführen, war wohl gar kein Apfel – sondern ein Granatapfel. Und der wiederum besitzt hohe Symbolkraft als eines der ältesten Aphrodisiaka der Welt. Arabischer Brauch ist es, ein Hochzeitspaar mit Granatapfelkernen zu bewerfen; das soll neben Fruchtbarkeit und ewiger Liebe auch noch Lust und Begierde aufeinander sicherstellen. Und genau da kommt äußerst zupass, was japanische Forscher herausgefunden haben: Granatäpfel sind offenbar extrem reich an Phytoöstrogenen (sekundären Pflanzenwirkstoffen), die sich überaus stimulierend auf die Eierstöcke, die Vaginalschleimhäute und die Libido auswirken sollen. Umfragen bei den alten Ägyptern, den Persern oder den Griechen wären übrigens zum exakt gleichen Ergebnis gekommen wie die Untersuchungen der Wissenschaftler.

Mehr als bei anderen Gemüsen kommen beim Spargel auch Assoziationen koch, die herzlich wenig mit dem Essen zu tun haben. Seine pralle, im besten Falle ebenmäßige Form mit stattlichem Durchmesser und einem abgesetzten, zwiebeligen Köpfchen wird immer wieder als beispielhaftes Symbol für die männliche Lendenkraft verwendet. Selbst in Kulturen wie Indien oder China, wo Spargel nicht unbedingt heimisch ist, finden sich derlei Darstellungen phallischen, plastischen Ausmaßes. Also wurde das Gemüse als Aphrodisiakum eingesetzt, und der europäische Adel wusste schon ab dem 16. Jahrhundert, warum er es als Delikatesse schätzte: Mätressen konnten damit schon optisch sozusagen vorbereitend animiert und stimuliert werden …

Dass sich das Kino im Kopf abspielt, gilt auch für den nächsten Kandidaten: die Auster. Es geht gar nicht um das tatsächliche Verspeisen einer doch recht glibberigen Masse, die nach Salzwasser schmeckt. Vielmehr ist die Auster ein Bild, ein Gleichnis, ein Versprechen, eine Anregung. Und natürlich das ritualisierte Vorwegnehmen dessen, wofür sich insbesondere der Mann mit Wonne stärkt. Die glitschige Feuchte und ein Aussehen, welches der Vulva ähnelt, beflügeln die Phantasie und das Vertrauen in die eigene Mannesstärke. Oder kennen Sie tatsächlich jemanden, der Austern ausschließlich deshalb isst, weil sie ihm schmecken? Giacomo Casanova, bekennender Gourmet, studierter Jurist, geweihter Priester und ein Frauenversteher, wie er im Buche steht (auch in seiner Autobiographie „Die Memoiren des Giacomo Casanova“ – sehr empfehlenswert), verspeiste angeblich zum Frühstück bis zu 50 Austern, wenn er ein besonderes Pensum zu erfüllen gedachte. Nach eigenen Angaben schaffte er es, bis zu 17 Frauen in einer Nacht glücklich zu machen. Dabei vertraute der Feinschmecker auch darauf, die Damen mit Hilfe von Trüffeln, Artischocken, Feigen und anderen Lusthelfern atmosphärisch auf den richtigen Weg zu bringen. Man kann sagen, was man will: dieser Typ investierte viel Zeit, Aufwand, Gestik, Gespräch und Emotion, um das andere Geschlecht für sich einzunehmen.

Da wiederum passt, was eine Freundin einmal zu mir sagte: „Wenn Du Menschen beim Essen beobachtest, kannst Du viel über ihre Eigenschaften erfahren. Du siehst Stärke, Ungeduld, Behäbigkeit, Beliebigkeit – am meisten aber wirst Du Dir dann vorstellen können, wie dieser Mensch wohl als Liebhaber ist.“

Darüber lohnt es sich wirklich zu philosophieren. Übers Essen zum Sex? Aber ja doch – die Kulturgeschichte des Menschen ist voll mit Beispielen, wie sehr Speisen und Lust miteinander verwoben sind. Die im Alten Testament erwähnten Weintrauben, Granatäpfel oder Honig standen für sinnliche Reize. Darstellungen aus der griechischen Mythologie zeigen die Knabenliebe mit Früchten als Lockmittel. Römische Gelage waren stets eine Mischung aus orgiastischer Wollust und schwülstigen Gaumenfreuden.

Viele andere Völker gingen und gehen offensiver und natürlicher um als wir, die wir alles, was mit Sexualität zu tun hat, zumeist in den komplett privaten Bereich abkapseln. Beim indianischen Volk der Mahinaku ist das anders. „Sie ist die Speise meines Penis“, sagt ein Mann, der so seine Frau beschreibt. Das Wort für langweiligen Sex ist bei ihnen das Gleiche wie für fades Essen („mana“).

In Burma mussten lange Zeit Männer und Frauen, die regelmäßig miteinander aßen, heiraten, weil sie als Paar gesehen wurden. Linguisten haben herausgefunden, dass es Völker gibt, etwa die Yanomami am Amazonas, bei denen „essen“ und „miteinander schlafen“ mit demselben Wort bezeichnet werden. Wenn Sie von einem australischen Aborigine gefragt werden sollten, ob Sie heute schon etwas gegessen haben, hat er sich damit auch gleichzeitig erkundigt, ob Sie heute schon Sex hatten. In beiden Fällen wäre er bereit auszuhelfen.

Natürlich gibt es auch Beispiele, wo man möglichst versuchte, Essen wie körperlichen Austausch vom Aufwand her so gering wie möglich zu halten: das protestantische England leuchtet hier strahlend hell. Die Spaßtruppe Monty Python brachte es im Film „Der Sinn des Lebens“ auf den Punkt, als ein extrem biederer Protestant sich bei trockenen Keksen über die Kinderflut seiner sinnesrauschenden katholischen Nachbarn echauffiert ausließ: „Jedes Mal, wenn sie Sex haben, bekommen sie ein Kind!“. Seine Frau, zwei Finger an ihrer Hand abzählend: „Wir doch auch …“.

In vielen Religionen gilt Enthaltsamkeit in der Askese sowohl für Essen als auch für sexuelle Handlungen – es sind die natürlichsten und damit die am schwersten zu beherrschenden Triebe des Menschen.

Es ist, wie so Vieles, eine Einstellungsfrage. Begreifen wir das Essen als einen wichtigen Teil des Vorspiels, haben wir schon viel kapiert. Essen soll Lust sein und kann Lust machen, gemeinsames Essen erst recht. Jemandem zuzusehen, der sein Zeugs apathisch und völlig begeisterungsbefreit in sich hineinschiebt oder in Rekordzeit verschlingt, wird damit also vermutlich doch preisgeben, wie es um seine Qualitäten mit dem anderen (oder gleichen) Geschlecht geht. In diesem Sinne – lassen wir nichts anbrennen …

Matthias F. Mangold

Phew! Danke, lieber Matthias!
Hierzu eine meiner liebsten Film-Ess-Szenen:

PS: Liebe Leser, ein Besuch bei Genusstur vielleicht? 

Kategorien:wein & essen, weinallgemein

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