weingeschichten

Pfalz-Weinjahrgänge. Teil 3. Es ist nicht immer, wie es zuerst aussieht. Backflash von Matthias Mangold

Heute schreibt uns der Genussmensch Matthias Mangold seine Ansicht zum Thema. Eine sehr gute Zusammenfassung, wie ich meine…Danke, Matthias!

© Matthias Mangold, www.genusstur.de

© Matthias Mangold, http://www.genusstur.de

Leider wahr: wir geben den meisten Weinen nicht die Zeit, die sie verdienen. Korken raus (oder Schrauber auf), Wein ins Glas, Nase rein, schnuppern, probieren, Urteil bilden – so läuft das meist. Diejenigen unter uns, die sich mit Wein etwas näher befassen und bei einer Verkostung eine größere Zahl an Weinen probieren, haben mit hoher Schlagzahl ständig neue Weine im Mund und kaum die Muße, einem Wein eine Viertelstunde zur Entfaltung im Glas zu gönnen. Dabei wissen wir alle, dass Luft die Objekte unserer Begierde spürbar verändern kann, in beide Richtungen.

Noch dazu begehen wir Babymord, wo man auch hinsieht. Die neuen Weine werden JETZT SOFORT probiert, beschrieben und bewertet, mit Punkten oder zumindest emotional. Einfach mal 3-4 Jahre liegen lassen und dann schauen, wie sich das entwickelt? Unter der Flut der immer größer werdenden Anzahl besserer Betriebe mit immer höheren Qualitäten im Alltag kaum machbar. Zumal die Leute draußen ja auch wissen wollen, was man von den aktuellen Gewächsen hält, die noch zu haben sind.

So kommt es, dass wir auch etwas schnell in der Einschätzung ganzer Jahrgänge sind.

Bestes Beispiel hierfür – wir reden übrigens über die Pfalz – war 2003. Was hat man da nicht über die Rotweine gejubelt: Dicht! Schwer! Intensiv! Und was hat man nicht die Weißweine samt und sonders in Sippenhaft genommen: Lasch! Breit! (Über die, die nicht nachgesäuert wurden). Sauer! (Über die, bei denen die Säuerung im Weinstadium stattfand). Und was stellte sich nach einigen Jahren heraus? Die Rotweine wurden – ausgenommen eine Reihe von Spätburgundern bei den Spitzenerzeugern – durch den Alkohol oft brandig, und viele Weißweine kamen später doch noch harmonisch in der Flasche zusammen. Erst vor kurzem bewies uns dies eine 2003er Riesling Spätlese trocken Kallstatter Saumagen vom Benderhof. Da ist noch ordentlich Druck dahinter, ein herrlich reifer Wein mit Stehvermögen.

Im Trubel um den zurecht gelobten Jahrgang 2005 ging der 2004er etwas unter, und auch dies zu Unrecht. Vorvergangene Woche hatten wir aus diesem Jahr einen Riesling Idig von Steffen Christmann aus Gimmeldingen im Glas: gute Frucht, dicht, lange und schön mineralisch. Das Pendant des gleichen Weins aus 2008 konnte da nicht mithalten.

2006 wird gemeinhin als Katastrophenjahr in der Pfalz bezeichnet. Ordentlich Hagel an Fronleichnam, später dann die kürzeste Lesephase in der Erinnerung der Winzer. Weil am 03. Oktober gleich 75 Liter Regen (nennt man das dann eigentlich noch so?) auf den Quadratmeter fielen, ruderten die Winzer hinaus in die Weinberge und holten mit den Vollernterfregatten sofort alles rein, was noch brauchbar war. Und dennoch konnten wir schöne Weine verkosten.

2007 hingegen ein Traumjahr aus dem Bilderbuch. Frühe Blüte, mäßig warm, grandioses Herbstwetter – wer nicht aus Angst vor einem Wetterumschwung zu früh las, konnte aus dem Vollen schöpfen.

2008 war kein Brüller für weiße Burgundersorten, dafür für elegante Rieslinge, außer vielleicht in Teilen der Mittelhaardt, wo es zu früher Fäulnis kam.

2009 durfte wieder gelacht werden von Bockenheim bis Schweigen: Bilderbuchwetter brachte rundum tolle Qualitäten zustande.

2010 wird von manchem Kritiker wegen gehobener Säurewerte und angeblich mangelnder Komplexität als „Arschjahr“ bezeichnet, doch mit 2011 und 2012 drehte sich das Fähnlein erneut ins Positive.

Soweit das Allgemeine, bezogen auf die Pfalz. Stimmt das aber alles so? Bei näherer Betrachtung natürlich nicht. Die Kunst des Weinmachens zeigt sich ganz klar nicht in den guten Jahrgängen, sondern in den schwierigen. Man will mit dem Blick aufs Große und Ganze Orientierung und Übersicht geben, verkennt dabei jedoch gleichzeitig Kleinklimata, differenzierte Ortssituationen oder das Können von Winzern. Evident wird uns das ganz oft, wenn wir bei Verkostungen aufgehobene Konterproben aus älteren Jahrgängen aufziehen und zu den aktuellen Weinen dazustellen. Mitunter wirkt da ein ehedem stark eingeschätztes Großes Gewächs schon nach fünf Jahren kraftlos und schlapp, während ein „kleinerer“ Wein deutlich macht, dass er damals wohl zu niedrig bepunktet wurde.

Übergreifend besehen kann man schon sagen, dass zuletzt die ungeraden Jahrgänge schon die deutlich besseren waren. Doch ist beispielsweise gerade jetzt der 2010er Pechstein von von Winning heute noch besser als damals (und wird es in zehn Jahren noch sein), was auch für den Riesling Kalmit Terrassenlage von Boris Kranz oder den Riesling GK Altenforst von Gerhard Klein gilt.  Hier jetzt hingegen die vielen Enttäuschungen aus 2009 oder 2011 auszupacken, wäre schlechter Stil.

BW_schatz

© Heike Larsson

Vielleicht legen wir sogar zuviel Wert auf die Reifung von Weinen – ist das wirklich DER Indikator für Qualität? Muss ich verlangen können, dass ein Wein mir zehn Jahre lang Freude bereiten soll? Bei Top-Weinen, für die entsprechende Preise aufgerufen werden, mit Sicherheit, doch solche Gewächse sind der kleinste Teil der Produktion. Wenn wir von Wein an sich sprechen, interessiert mich persönlich viel mehr, was sich in den ersten drei Jahren abspielt, auch wenn ich gereifte Tropfen liebe. Ein junger, frischer Kabinett kann mir in der richtigen Situation einen vergleichbaren Genusswert liefern wie eine reife trockene Spätlese. Für deutlich weniger Geld. Brot- und Butter-Weine werden gnadenlos unterschätzt.

Matthias F. Mangold

Weitere Beiträge zum Thema Jahrgänge: hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s