weingeschichten

Pfalz-Jahrgänge #5

Gastbeitrag von Holger Klein, Weinfreund, profitext.com

Alt oder Jung? Ich möchte mich nicht entscheiden müssen.

Heike hat mich gebeten, etwas zum Thema gereifte Weine und ältere Jahrgänge aus der Pfalz zu schreiben. Vorweg möchte ich erwähnen, dass meine Liebe und Begeisterung für gereifte Weine noch nicht allzu alt ist. Mein allererster, bewusst gekaufter Wein war zwar gereift (ein 1985er Brunello, mit dem ich meine erste Freundin beeindrucken wollte und auch konnte), aber danach bevorzugte ich jahrelang in der Mehrzahl Weine, die zum Zeitpunkt des Trinkens zwischen eins und drei Jahre alt waren. Meist waren das Rieslinge. Sie machen häufig auch schon in ihrer Jugend Spaß und die Pfalz hat mit ihren saftigen Riesling-Qualitätsweinen einiges zu bieten. Besonders, wenn man das Preis-Genuss-Verhältnis im Auge behält.

© pfalzweinproben.de

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Mit dem Thema gereifte Weine kam ich erst im Studium in Kontakt. Mein eigentliches Erweckungserlebnis hatte ich vor einigen Jahren bei einem Biodynamie-Seminar im Weingut Bürklin-Wolf. Bettina Bürklin-von Guradze präsentierte uns damals Rieslinge, die noch aus der Zeit vor der Umstellung stammten – darunter ein Goldbächel und ein Rechbächel aus dem Jahr 1999. Ich war damals nicht der Einzige, der verblüfft war, denn die Weine waren so frisch und lebendig, dass man ihnen ihr Alter nicht einmal annähernd anmerkte. Zwei befreundete Fachhändler hatten sich damals sogar um fast 10 Jahre verschätzt. Gereifte Weine von Bürklin zählen seither zu meinen absoluten Favoriten. In guter Erinnerung sind mir zwei 2004er Rieslinge aus dem Kirchenstück und aus dem Pechstein sowie ein 2009er Gaisböhl, den ich besonders gerne im Hofgut Ruppertsberg trinke.

Ich möchte hier allerdings nicht einzelne Weine herausheben – dazu gibt es zu viele gute Weine in der Pfalz – sondern allgemein etwas über ältere Jahrgänge aus der Region schreiben, die es zu probieren lohnt. Vorab möchte ich noch zwei Dinge anmerken: Natürlich beeinflussen die unterschiedlichen Voraussetzungen eines jeden Jahrgangs den Charakter der Weine, das ist unstrittig, genau wie der Einfluss des Winzers. Aber mindestens im gleichen Ausmaß können die Lagerbedingungen die Sensorik eines Weines prägen. Das merkt man immer dann, wenn man einen Ladenhüter aus der Neonlichtbestrahlung des Weingeschäfts gerettet hat. Unter widrigen Bedingungen geht auch ein ehemals guter Wein aus einem Topjahrgang irgendwann in die Knie und verliert an Spannung. Deshalb ist es zu empfehlen, die Weine entweder gereift im Weingut zu kaufen – denn dort herrschen oft ideale Lagerbedingungen – oder sie im eigenen Gewölbekeller oder Klimaschrank aufzubewahren.

Das zweite, was ich anmerken möchte, ist, dass wir in der Pfalz in den vergangenen 10-15 Jahren kaum wirklich schlechte Jahre zu verzeichnen hatten. Die Chancen, einen gut gereiften Wein im Keller zu finden, sind also generell recht groß. Zumal die Spitzenbetriebe auch in vermeintlich schwierigen Jahren Großtaten vollbringen.

Aus meiner Sicht sind die Jahre 2000 und 2006 die Einzigen beiden, die allgemein betrachtet eher negativ herausragen. Als schwächer würde ich auch den 2010er einstufen. Daneben gibt es Jahrgänge, die erst mit der Zeit ihr Potenzial zeigen. Dazu zähle ich beispielsweise den 2008er. Die Weine präsentieren sich aktuell in Topform. Bestes Beispiel – neben einigen bekannten Namen – ist der Riesling Königswingert von Jürgen Zimmermann in Wachenheim. Leider bin ich nicht der Einzige, der das gemerkt zu haben scheint, denn es wird immer schwieriger 2008er Weine bei meinen Lieblingsbetrieben zu bekommen. Ähnlich sieht es bei den 2005ern aus. Dieser Jahrgang ist mir besonders bei den Spätburgundern in bester Erinnerung. Zusammen mit 2007 und 2009 ist das der Jahrgang, den ich in den letzten zehn Jahren als besonders stark einschätze. Das gilt für die Rieslinge genau wie für Spätburgunder. In diesem Zusammenhang möchte ich unbedingt noch einen Betrieb erwähnen, der mir mit seinem 2005er Pinot Noir einen unvergesslichen Genuss beschert hat: den Hirschhorner Hof von Frank John. Danke dafür! Leider gibt es davon auch nichts mehr zu kaufen.

Bei zukünftigen Weinkäufen setzen wir auf die sehr guten aktuellen Jahrgänge (2011 und 2012). Wie sich der 14er entwickeln wird, wage ich noch nicht zu sagen, denn er war bereits sehr früh sehr zugänglich. Das muss allerdings nichts Negatives bedeuten. Es kann höchstens sein, dass meine 14er niemals ein entsprechendes Alter erreichen werden, weil ich sie vorher (zu gerne) getrunken habe. Ich mag eben beides – elegante Distinktion und jugendliche Unbekümmertheit.

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