weingüter

Michael Schroth

45 Minuten Fahrt, ich bin in Asselheim. 2 x rechts und bevor ich die Hausnummer suchen kann, sehe ich sie schon: die Hand…

DieHand

Ich fahre die Einfahrt hinein und komme auf einen für pfälzer Verhältnisse sehr langen Einfahrtsweg. Zypressen rechts und links davon gepflanzt, noch ganz jung. Gras eingesät, Rosenbüsche gesetzt. In der Pfalz wächst alles schnell, bis Ende des Sommers wird es hier grün sein. Gerade aus, ganz am Ende des Weges, stehen 2 iberische Korkeichen. Ansonsten hügelige Weinberge und zugewachsene Felsen, wohin das Auge blickt. An der Halle vorbei, zum Parkplatz. Ich steige aus. Und laufe die ganze lange Einfahrt wieder komplett zurück bis zum Gold verzierten Tor. Das Foto muss jetzt sein. Ich liebe lange Einfahrtswege…

Einfahrt2

Michael Schroth ist inzwischen herausgekommen und wartet geduldig auf mich. Ihm gehören die Hand, die Halle, die Einfahrt und die Weinberge.

Vor 1,5 Jahren hat er mich dazu eingeladen, seine Weine zu probieren. Es ärgert mich, dass es so lange gedauert hat, bis ich endlich hier bin. Aber am Ende des Nachmittags bin ich sicher, es war wiederum der perfekte Zeitpunkt. Denn, was er mir heute erzählt hat, in dieser Kulisse und mit den Weinen, die ich verkosten durfte – das ging unter die Haut. Er hat mich bewegt, regelrecht innerlich aufgewühlt. Ich weiß nicht, ob ich adäquate Worte finden werde, das wiederzugeben, bin ja nicht Schriftstellerin… Ein Versuch:

38 Jahre ist er alt, im Weinberg bewegt er sich sein ganzes Leben lang. Der Vater, damals Nebenerwerbswinzer mit 2, 3 ha, hat ihn schon als kleines Kind immer mitgenommen. Es war vorprogrammiert und spätestens als 15-Jähriger war für Michael klar: er wird Winzer. 2002 war er mit der Ausbildung, davon 1 Jahr bei Bassermann-Jordan, und anschließender Meisterschule fertig.

2007 gehören ihm inzwischen 8 ha Weinberge.

2008 stellt er erstmalig auf der Prowein aus. Ein Erlebnis, das er nie vergessen wird. Schroth? Asselheim? Achselzucken, keine Aufmerksamkeit, vorbeilaufende Fachbesucher, er fühlt sich unsichtbar. Und dennoch zieht er einen ersten wichtigen Auftrag an Land. Ein bis heute treu gebliebener Kunde.

2010: 12 Hektar. Erste Gedanken an einen Neubau, die inzwischen bezogene, gepachtete Stelle platzt aus den Nähten.

Im selben Jahr: Hagel! 95 % der Ernte wird zerstört. Hagelversicherung? Nein. Die einzige Lösung ist Traubenzukauf, den er teuer bezahlen muss. Geschäft ist Geschäft, denken sich die Kommissionäre… Er geht auf jedes Fest, das er nur mitnehmen kann, verkauft seine Weine vor Ort, sammelt jeden € ein und fängt damit die Katastrophe einigermaßen gut ab, es kann weitergehen. Viel harte Arbeit und etwas Glück haben die Lage gerettet.

2011/2012: Der Plan für den Neubau entsteht. Von Anfang an ist klar, er muss selbst ran. Mit den eigenen Händen. Dazwischen kommt eine familiäre Geschichte, die erst noch einmal Geld kostet. Und jetzt erst recht: Tag und Nacht denkt er an nichts anderes, er muss dieses Weingut nach vorne bringen. Urlaub, wilde Parties, alles lässt er links liegen. Es gibt nur noch das eine Ziel vor Augen.

Er kauft sich den Bagger, auf dem er für den Aushub der Baugrube Nacht für Nacht hin und her fährt. 1541 m2 ist die Fläche der neuen Halle, das Fundament hat ein paar Nächte in Anspruch genommen…

Tagsüber macht er unterdessen weiterhin seinen Wein, vermarktet ihn und irgendwie hat er sogar noch Zeit für die freiwillige Feuerwehr. Dort kollabiert er eines Tages und fällt ungebremst auf den harten Boden, bricht sich den Schädel. Eine Woche Krankenhaus ist das Maximale, das er an Zeit aufbringen kann. Viel zu früh und gegen den Willen der Ärzte – und seiner starken Frau Jenny – verlässt er die Klinik, er muss zurück auf den Bagger. Mit dickem Kopfverband geht die Arbeit weiter. Der Rest ist Geschichte.

vinothek_theke

Letzten Samstag wurde die Einweihung der neuen Anlage samt Vinothek gefeiert. Ein Riesenerfolg! Alle, die da waren, haben begeistert davon berichtet.

Heute gehören 20 ha zum Weingut, von 10 ha kauft der Winzer zu, vermarktet werden also 30 ha.

Wir machen eine 15er Fassprobe, die Tanks mit insgesamt rund 180.000 Litern Fassungsvermögen sind fast alle geleert und die Weine daraus bereits verkauft. 60% davon nimmt der Handel mittlerweile ab. Was jetzt noch in den restlichen Tanks liegt, sind die besonderen Lagenweine, denen er mehr Zeit gibt. Riesling, Burgunder und Chardonnay sind auffällig mineralische Weine mit animierender Frische, viel Kraft. Noch unfertig, versprechen sie bereits Gaumenfreude.

60% sind Weißweine, Riesling der größte Anteil, Chardonnay, Grauburgunder, Weissburgunder (der 13er siegte beim Ilbesheimer Weissburgunder Preis) und Gewürztraminer runden das Portfolio ab. Zu den Roten gehören Dornfelder, (beim 2011er Deutschen Rotweinpreis der Vinum gewinnt er den 2. Platz), Merlot und Cabernet Sauvignon.

DornfelderPreis

© Michael Schroth

Vermarktet werden sie in der mittlerweile klassischen Einteilung Gutsweine (Ertrag rund 80 hl/ha), Ortsweine (50-60 hl/ha) und Lagenweine (25-35 hl/ha).

Die Weinberge liegen in den Asselheimer Lagen St. Stephan, Goldberg, Schloss und Höllenpfad, alles kalkreiche Lehmböden.

Empfohlen wird das Weingut von Eichelmann, Falstaff und Feinschmecker.

Hast du noch einen nicht-15er, den wir zusammen probieren können?”, frage ich ihn. ”Ja, klar Heike”. Und wir gehen zurück in die Vinothek.

2014er Riesling Asselheimer Goldberg, 11,40 €. Trocken. Gelbfruchtig mit feiner Holzwürze unterlegt, Hauch von Kräutrigkeit, frisch und so animierend mit seiner Mineralität und der passenden Säure. Gefällt mir schon jetzt richtig gut und ich bin gespannt, wie er sich noch weiter entwickeln wird. Vergoren und ausgebaut im Tonneau. Preis/Leistung!!

2014er Chardonnay Asselheimer St. Stephan, 8,40 €. Zur Hälfte jeweils im Barrique und Edelstahl ausgebaut, bringt dieser Wein echte Spannung mit. Exotische Frucht trifft Würze, Hauch gebräunte Butter aber auch wieder die auffällige Frische. Zu dem Preis gehört er in jeden Chardonnay-Freund-Keller.

Aber auch die Roten überzeugen. Von der süffig-saftigen Alltagscuvée C+ Asselheimer, über Merlot, Spätburgunder, Cabernet Sauvignon bis hin zum 13er Handgemacht, sind das durch die Bank sehr harmonische Weine, die für meinen Geschmack die richtige Komposition aus Frucht, Holz und Kräutrigkeit mitbringen. Aber mehr zu diesen Weinen in separaten Postings…

Etwas lässt sich mit Bestimmtheit sagen: der Fokus dieses Mannes wird als nächstes in die weitere Verbesserung der Qualität seiner Weine gehen. Weinfreunde, freut euch drauf!

Michael, ich danke dir für einen Nachmittag mit ’Tiefe’, dein Ernst bei der Sache, das Innehalten, du hast mir soviel gesagt, zwischen den Worten. Gleichzeitig haben wir gut gelacht und manchen Witz ausgetauscht. Wie beim Wein: die Balance macht’s. Du machst einen Unterschied in dieser (Wein-)Welt. Alles Gute für euch beide!

Ich fahre langsam die Einfahrt wieder hinaus, mein Auto rollt über 134.000 Pflastersteine, verlegt von Michael Schroths Hand…

www.michael-schroth.de

PS: Die Vinothek ist April und Mai an Samstagen und Sonntagen von jeweils 13-18:00 geöffnet. Fahrt hin, nehmt Platz in den Loungemöbeln auf der Terrasse und genießt Wein und Umgebung.

 

 

9 replies »

  1. Liebe Heike Larson, das ist eine sehr, sehr schöne Beschreibung über ein Weingut, einen Menschen und dem Produkt aus beidem. Eine große schrifstellerische Leistung. Man könnte sagen: spielend mit Herz geschrieben.Danke. Und ich geh da bald hin.

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  2. Ein sehr schön geschriebener Artikel über einen sympathischen Winzer, der mit unglaublich viel Fleiß, Mut und dem richtigen Gespür all das geschafft hat. Viel Erfolg weiterhin lieber Michael.

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  3. Ich kann mich da nur anschließen. Ein sehr passeder Artikel über einen Menschen, der bei Niederschlägen den Kopf nicht in den Sand steckt sondern die Ärmel umkrämpelt und weiter seinem Ziel entgegen Arbeitet.
    Weiterhin viel Erfolg auf deinem (eurem) Weg.

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