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Weinbewertungen: So verkostet der Gault & Millau Pfalz

Wie unterscheiden sich die diversen Weinführer, Wettbewerbe und Bewertungssysteme? Ein Thema, das den Weinfreund beschäftigt. Deshalb freue ich mich, einige Gastautoren gefunden zu haben, die sich selbst ausgiebig damit befassen und deshalb auch am besten darüber zu berichten wissen. Den Anfang macht heute:  Matthias Mangold, Gault & Millau Pfalz

 

So verkostet der Gault & Millau Pfalz

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Weinführer sind für immer noch viele Menschen wichtig. Sie liefern professionelle Einschätzung und Orientierung über jeweils aktuelle Jahrgänge. Jedes Jahr gibt es, spätestens bei Erscheinen des Buches, großes Hintergrundgemurmel, was die Verkostungen betrifft. Geheimnisse? Keineswegs. Ich habe hier einfach mal eine kleine Ausführung erstellt, was da genau passiert, warum wir was machen – und wer überhaupt dahintersteckt.

* Um eine gewisse Struktur zu haben, beginnen wir mit den neuen und den empfehlenswerten Betrieben, gefolgt von den 1-Trauben-Betrieben usw. Dies erlaubt jeweils auf vergleichbarem Level zu sehen, wie sich der eine oder andere Betrieb entwickelt.

* Top-Weine, die noch nicht gefüllt sind zum Zeitpunkt der Einladung, können später nachgereicht werden.

* Die Verkostungen sind offen, also nicht blind. Warum? Unsere Aufgabe besteht darin, Betriebe in ihrer Gesamtheit zu erfassen und nicht nur nach einzelnen Weinen zu schauen. Wir können in Kenntnis des Weingutes und auch im Wissen um seine gewollte Stilistik klar sehen, wohin die Reise mit dem jeweiligen Jahrgang geht. An einem Tag werden ca. 7 Weingüter verkostet, meist ab 09.00 Uhr morgens bis mittags. Die Vorgehensweise ist so, dass wir Betrieb auf Betrieb verkosten. Erst Schaumweine (falls vorhanden), danach Sauvignon, gefolgt von Rieslingen, Burgundersorten (Holz am Ende), schließlich Rotweine und – eher selten – restsüßen Weinen.

* Wir verkosten in aller Regel zu zweit, manchmal auch zu dritt. Dies stellt sicher, dass nicht ein Einzelner auf sich alleine gestellt ist, sondern es auch in der Diskussion ein Korrektiv gibt.

* Über jeden Wein wird gesprochen, jeder Wein wird bepunktet und in Stichworten beschrieben, auch wenn diese Beschreibung im Buch bislang nicht auftaucht. Erhält ein Wein mehr als 87/88 Punkte, wird er zurückgestellt und am Ende des Verkostungstages zusammen mit den ähnlich hoch bewerteten Weinen nochmals probiert, um zu sehen, ob das Gefüge stimmig ist.

* Nicht selten stellen wir noch vorhandene Konterproben aus früheren Jahren mit in die Reihe, um den Aspekt der Reifefähigkeit einzubringen.

* Alle Weine mit 88 und mehr Punkten kommen in die regionale Endrunde im August, die dann freilich blind abläuft. Jetzt geht es ja um einzelne Weine und nicht mehr um die Betriebe als solche, und hier halte ich das blinde Vorgehen für geboten. Wir halten das bereits seit einigen Jahren so und haben hier gute Erfahrungen gemacht. Mancher Wein steigt mit 88 Punkten ein und läuft hoch bis 90/91 – alles schon gehabt. Die besten Weine unserer Pfalz-Endrunde kommen dann schließlich in die Bundesfinalprobe im September. Bei der regionalen Endrunde sind wir meist zu viert oder zu fünft, hier kommen noch die Chefredakteure Joel Payne und Carsten Henn mit dazu.

* Hauptverantworlich für die Pfalz bin seit einigen Jahren ich, doch Jürgen Mathäß, der diese Position über viele Jahre ausgefüllt hat, ist als Verkoster weiterhin dabei. Wolfgang Mayer, IHK-geprüfter Sommelier, ist seit zwei Jahren im Team. Dazu kommen aber stets auch weitere Menschen vom Fach, die frische Eindrücke und Sichtweisen mitbringen. Jürgen Mathäß oder ich sind bei allen Proben dabei, um eine Konstante zu haben.

* Ich versuche, die Texte zu den Weingütern jedes Jahr neu zu verfassen, wie ja vielleicht schon aufgefallen ist. Natürlich lässt sich die Historie eine Betriebs nicht immer neu erfinden, doch soll der Schwerpunkt ohnehin noch deutlicher auf den Weinen und der Beschreibung des Weinstil liegen.

* Es gibt – und das gilt bundesweit – einige Betriebe, deren Stil eine Abfüllung oder Verkostung im anvisierten Zeitraum nicht zulässt. In solchen Fällen verkosten wir diese Weine im darauffolgenden Jahr. Das hat zur Konsequenz, dass sie in den Endrunden nicht mit dabei sind (hier wird ja der jeweils aktuelle Jahrgang bewertet) und daher auch nicht in den Bestenlisten auftauchen können. Dennoch können diese Weine natürlich hohe Punktzahlen erzielen.

* Leider ist die Quantität des Weinführers mit der vorletzten Ausgabe auf 1.000 Betriebe bundesweit begrenzt worden (davor waren es noch 1.093 Betriebe). Dies hatte zur Folge, dass wir in der Pfalz 17 Betriebe nicht aufnehmen konnten, die bislang vertreten waren. Und auch für die Zukunft bedeutet das eine engere Auswahl mit engeren Kriterien. Persönlich sehe ich die Zukunft von Weinführern stärker im Netz, und wir dürfen davon ausgehen, dass dort diese Deckelung auf 1.000 Betriebe nicht gilt. Ungeachtet dessen: auch wer nicht aufgenommen werden kann, bekommt von mir auf Nachfrage die Ergebnisse unserer Verkostung mitgeteilt und erhält somit ein Feedback.

* Um immer wieder kursierenden Gerüchten entgegenzutreten: nein, wir sind nicht käuflich, wir werden nicht vom VDP bezahlt und gehen nicht nach beeindruckenden Namen vor. Die Auf- und Abwertungen der vergangenen Jahre zeigen zudem, dass wir alles andere als nach Verbandszugehörigkeit einstufen. Uns geht es um die Qualität im Glas, der Rest interessiert uns nicht. Wir als Verkoster haben im Übrigen auch keinerlei Ahnung, welcher Betrieb ein Werbepaket kauft oder eine Anzeige bucht.

  • Apropos Auf- und Abwertungen: auschlaggebend hierfür ist nicht ein einzelner gelungener oder misslungener Jahrgang. Es ist immer eine Entwicklung über mindestens zwei oder drei Jahrgänge notwendig. Im empfehlenswerten Bereich achten wir besonders auf eine gewisse Dynamik. Wer im GM auftaucht, gehört zu den besten 6 Prozent der Flaschenweinbetriebe der Pfalz. Da es darüber hinaus aber noch viele weitere Betriebe gibt, die ebenfalls nach vorne drängen, geben wir bei gleicher Qualität eher einem neuen Betrieb die Chance, sich zu bewähren, als dass wir einen schon länger auf empfehlenswert stehenden Betrieb behalten.
  • Es gibt auch Betriebe, die nicht im Führer erscheinen wollen – ein heikles Thema. Erachten wir den Betrieb als für die Region wirklich relevant und der Winzer schickt uns nicht, besorgen wir uns die Weine auf anderem Wege. Der Weinführer wird für die Leser gemacht, nicht für die Betriebe.

* Ganz wichtig am Ende: wir verkünden keine Wahrheiten, sondern geben Einschätzungen wieder. Dass wir über die Jahre hinweg im großen Maßstab richtig liegen, zeigt die Erfahrung. Allerdings kann es vorkommen, dass wir einen Wein auch mal komplett falsch einschätzen. Entweder, weil wir ihn in seiner Art zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht verstanden haben – oder weil er sich in einem elenden Loch befunden oder auf einer aktuellen Welle geritten ist. Dazu muss man stehen, und das tue ich auch.

Ich habe diese Beschreibung dessen, was wir beim GM in der Pfalz machen, im vergangenen Jahr in ähnlichen Zeilen an die Weingüter geschickt, da selbst hier Unklarheiten herrschten. Transparenz ist mir außerordentlich wichtig. Hinter all dem stecken Menschen mit vielen Kenntnissen, großer Verkostungserfahrung, aber auch Fehlern. Im Zweifel sind wir stets für einen Wein, nicht gegen ihn. Im Zweifel gibt es den höheren, nicht den niedrigeren Punkt. Denn letztlich geht es ja „nur“ um Wein. Da sollte man den Ball auch mal flach halten, oder?

Matthias F. Mangold

www.gaultmillau.de

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