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Véritable 16: Interview mit Clemens Lageder

Generationenwechsel im weltberühmten Südtiroler Weingut Lageder – und wir treffen Alois Clemens Lageder anlässlich der Véritable 16 im Weingut Aloisiushof, um mehr darüber zu erfahren. Der fünfte Alois der Familie stellt sich mit dem Zweitnamen Clemens vor, doch bevor wir zum Interview kommen, erst eine kurze Zusammenfassung zum Weingut.

1823 übernimmt Johann Lageder aus dem Grödner Tal eine Wagnerei in Bozen, Südtirol und beginnt nebenbei mit Weinen zu handeln. 1855 teilen seine beiden Söhne den Betrieb auf, der Weinhandel geht weiter an Sohn Alois Johann, damit also dem ersten Alois.

Heute, über 150 Jahre später, ist daraus inzwischen längst ein Weingut mit 50 Hektar Weinbergen in besten Lagen Südtirols geworden, das in fünfter und sechster Generation von Alois Lageder und seinem Sohn Alois Clemens Lageder geführt wird. Die eigenen Weinbergsflächen werden biologisch-dynamisch bewirtschaftet. Zugekauft werden Trauben von rund 110 Hektar, von denen inzwischen rund 25% ebenfalls aus biodynamischem Anbau stammen. Tendenz steigend.

Das Weinangebot ist in drei Qualitätsstufen eingeteilt:
– die klassischen Sorten, Rebsortenweine, zumeist aus Trauben der Partnerbetriebe
– die Terroir Selektionen, Lagenweine
– die Weinhöfe, die „Grands Crus“, aus eigenen Spitzenlagen: Casòn Hirschprunn, Löwengang, Römigberg, Krafuss, Lindenburg und Punggl.

Weine wie Cor Römigberg Cabernet Sauvignon (ca 40 €) und Löwengang Chardonnay (ca 30 €) sind mehrfach ausgezeichnete Prestigeweine, um die sich der Weinfreund reißt. Sie sind Ikonen, auch weil sie einen neuen Stil nach Südtirol brachten. Überhaupt bezeichnet man Alois Lageder als Vorreiter der Region, der mit unermüdlichem Engagement das Qualitätsstreben forderte und förderte.

Ganzheit – ein sehr wichtiger Begriff, der sich nicht nur auf die Nachhaltigkeit des Ausbaus bezieht, den Respekt vor der Natur und der Verantwortung gegenüber  nachkommender Generationen, sondern auch weitere Bereiche mit einbezieht. Kunst und Musik sind zwei Themen, zu denen es eine Vielzahl von Projekten im Hause Lageder gibt. Als fantastische Veranstaltung loben Insider die „Summa“, eine von Lageder organisierte Fachmesse mit 60 führenden internationalen Weingütern aus 6 Ländern, die im April das 18. Mal stattfand. Aus der Pfalz ist z.B. Dr. Bürklin-Wolf dabei.

Mit der Weinschenke Paradeis wurde ein malerischer Ort für Weinverkostungen geschaffen, der auch zum guten Essen einlädt.

Unter dem Projekt Cantina Riff, benannt nach dem geologischen Ursprung der Dolomiten, werden Weine, die in Zusammenarbeit mit anderen Weingütern hergestellt werden,  international vertrieben.

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Clemens Lageder (2.v.l.) präsentiert zwei Weine für uns während der Veritable 16 Foto © http://www.kgp.de

Nun zu unserem Gespräch:

HL (Heike Larsson): Herr Lageder erzählen Sie uns etwas zum Prozess des Generationenwechsels im Weingut Lageder. 

CL (Clemens Lageder): Wir als Familie sind uns einig darüber, dass ein schrittweiser Übergang für alle das Klügste ist. Ich bin heute gemeinsam mit meinem Vater für die Geschäftsführung verantwortlich, wobei mein Fokus zunächst auf dem Bereich „nach außen“ liegt. Ich möchte alle unsere Vertriebspartner und Märkte richtig gut kennen. Es ist mir ganz wichtig, viele persönliche Beziehungen dabei zu etablieren. Da ich neun Jahre im Ausland gelebt habe, bin ich derzeit regelrecht dabei, manches – auch in der Heimat –  (wieder) zu entdecken.

HL: Stand es für Sie schon als Kind bzw. Jugendlicher fest, dass Sie einmal in den Weinbau gehen, das Unternehmen fortführen möchten – oder kam das erst später im Leben?

CL: Zum Glück gab es seitens meiner Eltern niemals Druck in irgendeiner Art diesbezüglich. Und so entschied ich mich zuerst einmal gegen den Weinbau und für ein Studium der Soziologie und Geschichte in Zürich. Wissen Sie, was Soziologie ist? Ich wusste es selbst nicht. (lacht) HL: Nein, ich werde es googeln. (lacht) CL: Man spricht auch von Philosophie der Gesellschaft, die Soziologie erforscht alle Aspekte des sozialen Zusammenlebens der Menschen in Gemeinschaften und Gesellschaften. Danach habe ich dann Weinbau in Geisenheim und Dijon studiert und auch im Weinbau im Ausland gearbeitet. Die letzten zwei Jahre, bevor ich Anfang 2016 nach Hause kam, arbeitete ich in Luxemburg bei einer Vertriebsorganisation für landwirtschaftliche Bio-Produkte. Ja, und jetzt bin ich im Weingut.

HL: Jede Generation bringt Neuerungen in einen Betrieb. Was kann zu Ihrem Thema werden?

CL: Mir liegt es sehr am Herzen, persönliche Werte noch mehr in den Betrieb einfließen zu lassen. Zum Beispiel möchte ich geschlossene Monokulturen aufbrechen über Allianzen mit anderen Menschen. Die Biodiversität wieder aufbauen, wieder für einen Fluss, einen Kreislauf sorgen. Zwischen den Weinbergen u.a. Felder haben, wo die Kühe der Käserei grasen. Dem Milchbauern ist damit geholfen und unseren Reben, als Teil eines ganzheitlichen Umfeldes, auch.

HL: 25% Ihrer Partnerbetriebe sind heute Vertreter der Biodynamie, wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

CL: Sehr positiv! Gerade haben sich wieder zwei Betriebe gemeldet, die Interesse an einer Umstellung zeigen. Wir rechnen damit, dass bis zu 50% der Partnerbetriebe in den kommenden 3-5 Jahren sich der Biodynamie anschließen werden. 

HL: Wie kann man sich das denn vorstellen, wie informieren Sie Ihre Winzer zum Thema, welche Überzeugungsarbeit ist da angesagt?

CL: Einmal im Jahr laden wir alle Partnerbetriebe zu einem Event ein, wir informieren und schulen. Dann gibt es eine kleinere Gruppe, die sich einmal pro Monat trifft und wir nehmen auch individuelle Besuche vor. Es ist intensive Arbeit und steter Aufwand, der uns dem Ziel Schritt für Schritt näher bringt. Manche Winzer müssen es auch ganz einfach erst jahrelang sehen, bei den Kollegen. Die Skepsis ist manchmal groß, da hilft nur Erfahrung, zu verfolgen, dass es bei den anderen ja auch funktioniert. Sogar noch besser.

HL: Wie groß sind Ihre Partnerbetriebe und wie lange währen denn die Kooperationen?

CL: Im Schnitt sind das Winzer mit rund einem Hektar. Bei uns in Südtirol gilt noch ein Handschlag. Wir haben keine Verträge mit den Betrieben, es wird jedes Jahr neu verhandelt und per Handschlag besiegelt. Dennoch arbeiten viele bereits 40, 50 Jahre mit uns zusammen. 

HL: Mit welchen Maßnahmen begegnen Sie der Herausforderung der steigenden Alkoholgehalte im Wein im Zuge der Klimaerwärmung? Werden Sie die höheren Lagen suchen?

CL: Da gehen wir über drei Wege:
Erstens hat mein Vater bereits vor Jahren damit begonnen, Rebsorten anzubauen, die nicht typisch für Südtirol waren und aus südlicheren Regionen stammen. Wie z.B. Viognier, Roussanne, Marsanne, Tannat und die griechische Sorte Assyrtiko. Erste Erfahrungen machen wir mit Manzoni, einer Kreuzung aus Riesling und Weissburgunder, auch mit der Sorte Chenin Blanc fahren wir bisher gut. Also Sorten mit hoher Säure und niedrigerem Zuckergehalt. 

Zweitens experimentieren wir mit längeren Maischestandzeiten, um damit mehr Phenolanteile in den Wein bringen, was den Alkohol etwas mindern kann.

Bleibt noch der Gedanke an Weinberge in höheren Lagen. Das möchte ich aber nur mit gleichzeitig mehr Diversität machen, wir werden keine neuen Monokulturen anlegen. Das ist aber für uns momentan noch Zukunft.

HL: Ihr „Weinmoment“? Welcher Wein fällt Ihnen spontan ein, der Sie so richtig bewegt hat.

CL: Das war mit Freunden vor fünf Jahren im Burgund, ein 2005er Corton-Charlemagne von Coche-Dury in Meursault. Ein Moment, in dem ich dachte ‚ich spinne‘!

HL: Wenn ich nach Südtirol fahre, soll ich außer Ihrem Weingut welches besuchen?

CL: Ansitz Dolomytos, ein kleines Weingut, das einem Genie gehörte, Reiner Zirock, der leider 2009 verstorben ist. Ganz spannende Weine! Und Martin Gojer, Weingut Pranzegg.

HL: Wie gut kennen Sie die Pfalz?

CL: Ich bereue heute, während meiner Studienzeit in Geisenheim nicht die Gelegenheit besser genutzt zu haben, die verschiedenen Weinregionen ausgiebig zu besuchen. Eine sehr gute Verbindung habe ich zu Bettina Bürklin-von Guradze, da war ich gerade gestern zum wunderbaren Abendessen eingeladen.

HL: Werden Sie weitere Pfälzer Weingüter zur Summa einladen?

CL: Wir haben zwar unsere maximale Teilnehmerzahl erreicht, aber es ist sicherlich nicht ausgeschlossen. 

Danke für die Zeit und das nette Gespräch. Für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg!

Später am Nachmittag haben wir uns ein zweites Mal getroffen, Clemens präsentierte mir und einigen meiner Weinkollegen zwei hervorragende Weine. Diese gemeinsame Stunde war eines der Highlights der Véritable für uns! Wieder ein Weinmoment, der fremde Menschen zusammenbrachte…

2013 CASÒN Hirschprunn, eine Cuvée aus Viognier, Pinot Grigio und Chardonnay, die 12 Monate im Barrique ausgebaut wurde. Intensiv, komplex, dicht mit langem Nachhall und einer feinen Säure. Preis ca. 28 €.

2014 Forra Bianco, von der Manzoni Traube gekeltert, eine der neuen Sorten, wie oben beschrieben. 10 Tage auf der Maische und im großen Holzfass (2000 l) fast ein Jahr auf der Hefe belassen, hat dieser Wein hat ein feinwürziges Aroma, ist recht füllig am Gaumen und gefällt mit seinen 12 % abv. Preis ca. 18 €.

Herzlichen Dank lieber Clemens!

Danke auch an www.kgp.de für die herrlichen Fotos!

www.aloislageder.eu
www.summa-al.eu

www.veritable.de
www.uwe-warnecke.com

Übrigens… Südtirol ist mit 5.300 Hektar Anbaufläche fast so groß wie die Rieslingfläche der Pfalz. Über 20 Rebsorten sind hier vertreten, mit 60% dominieren die weißen, wobei Pinot Grigio, Gewürztraminer, Chardonnay und Weißburgunder zu den wichtigsten zählen. Zu den Bodenarten gehören u.a. Porphyr, Quarz, Kalk- und Dolomitgestein.

 

 

 

 

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